Auszug
»Aufstehen du Schlafmütze! Die Erdbeeren warten!«, wurde ich freudig am nächsten Morgen von Felix geweckt und all meine schlechte Laune vom Vortag war verschwunden.
Wir machten uns auf den Weg zum Ende des Feldes, das gar nicht so weit von der Scheune entfernt war. Auf dem Weg dorthin mussten wir einige Pfützen bezwingen und mir wurde klar, dass Felix recht hatte.
Da das Wasser bereits im Boden versickert war, hatten wir kein Problem, diese zu durchqueren. Hätten sie noch voll gestanden, wäre es für uns unmöglich gewesen, sie zu überwinden, da wir ja beide nicht schwimmen konnten.
Vielleicht hatte ich Felix doch unrecht getan. Ich dachte, er war zu feige, aber er hatte alles logisch durchdacht und gut überlegt.
Sicher würde es mir in Zukunft auch guttun, wenn ich nicht immer mit dem Kopf durch die Wand wollte und einmal meinen Verstand einschalte.
Als wir unser Ziel erreicht hatten, nahm ich schon den köstlichen Duft der Erdbeeren wahr.
Ohne zu zögern, lief ich zu den roten Früchten und begann zu fressen. Ich achtete gar nicht darauf, dass Felix nicht mitkam.
Als ich dann nach ihm Ausschau hielt, sah ich, dass er sich hinter einen kleinen Busch gesetzt hatte.
»Hast du keinen Hunger?«, rief ich ihm zu.
»Friss du zuerst«, antwortete er. »Einer muss ja auf Gefahren achten. Du hast dich so auf die Erdbeeren gefreut, da kann ich ruhig warten. Hier sitze ich geschützt und kann trotzdem alles gut überblicken. Genieße deine Leckerei. Ich werde dich früh genug warnen, wenn es aus irgendeinem Grund gefährlich werden sollte.«
Und so futterte und futterte ich und konnte nicht genug bekommen. Wie immer fand ich kein Ende und überfraß mich.
Erst als mein Bauch schmerzte, hörte ich damit auf. Vollgestopft und etwas träge machte ich mich auf zu Felix.
»Fertig! Ich bin so was von satt, da passt beim besten Willen nichts mehr rein. Wenn du möchtest, bist du jetzt an der Reihe. Ich passe auf.«
Wir tauschten die Plätze. Ich konnte sehen, wie Felix anfing zu fressen. Er war im Gegensatz zu mir ein echter Genießer. Er ließ sich Zeit und schlang nicht alles in sich hinein. Er hatte eben Manieren, die mir fehlten.
Ich hielt weiter die Augen auf, aber es dauerte mir zu lange. Ich wurde müde. Der volle Bauch machte mich schläfrig. Ich konnte gar nichts dagegen tun. Ich dachte an nichts mehr und schlief einfach ein. Dass ich Felix damit in große Gefahr brachte, kam mir nicht in den Sinn.
Einige Minuten später wurde ich von einem lauten Schrei geweckt. Ich zuckte zusammen und riss die Augen auf und sah gerade noch aus den Augenwinkeln, wie sich ein riesiger Vogel mit glühenden Augen und scharfem Schnabel auf Felix stürzte. Ich war sofort wieder hellwach.
»Felix, schnell, lauf weg!«, schrie ich angsterfüllt. »Schau nach oben. Du musst dich beeilen!« ...
(© Britta Kummer)